Klima
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Gedanken zum Waldbau im Klimawandel

Temperaturerhöhung seit 1961: 0,32°K pro 10 Jahre - wenn die Entwicklung so anhält, bekommen wir einen durchschnittlichen Temeraturanstieg von 3,2° C in 100 Jahren.

Für die Niederschläge wird ein Rückgang um 10% erwartet. „Das ist vorerst nicht so tragisch“ könnte man meinen. Aber der Rückgang wird in erster Linie in der Hauptvegetationszeit erwartet. Wasser steht also dann nicht zur Verfügung, wenn es am Meisten gebraucht wird. Die Niederschläge werden auch häufiger in Form von Starkregenereignissen auftreten mit damit verbundenem starken Oberflächenabfluß.

Der Klimawandel wirkt nicht auf eine Art, sondern immer auf ein Individuum als Teil einer lokalen Population. Unsere Baumarten haben sich in den letzten 10.000 Jahren an unser vorhandenes Klima anpassen können. Ändert sich nun dieses, kann man kaum abschätzen, welche Auswirkungen dies auf die örtlich vorhandenen Baumarten hat, selbst wenn die eine Baumart, z.B. die Buche zur Zeit auch in Kroatien wächst.
 

Gesucht: Brotbaum Nummer 1

Noch mehr als nach die Fläche dominiert die Fichte Holzvorrat und laufende Nutzung.

Bayerns Wälder werden im Laufe des 21. Jahrhunderts in vielen Landschaften ihr Gesicht verändern. Noch ist die Fichte die häufigste Baumart in den Wäldern Bayerns. Doch für anpassungsfähige und klimatolerante Wälder braucht es mehr als einen Brotbaum, es braucht einen Korb voller Brotbäume. Der Weg dorthin zwingt keinen, abrupt seinen Kurs zu wechseln. Der Weg führt aber für jeden über die Aufgabe, rechtzeitig für sich eine zukunftsfähige Strategie zu entwickeln.

Dass die bayerische Forstwirtschaft im deutschen und europäischen Vergleich wirtschaftlich gut dasteht und der Cluster Forst und Holz eine hohe ökonomische Bedeutung hat, liegt nicht zuletzt an den zuwachsstarken Fichtenbeständen.

Kein Wunder, dass Waldbesitzer und Vertreter der Holzwirtschaft in Diskussionen über die richtige Reaktion auf den Klimawandel immer wieder mahnen, mit Augenmaß vorzugehen, nicht von einem Extrem ins andere zu fallen und auf jeden Fall weiter mindestens 50 Prozent Fichte anzubauen. Das ist wegen der aus der Vergangenheit gewohnten, günstigen Eigenschaften der Fichte als Wirtschaftsbaumart zwar verständlich, aber nur mit Blick in den Rückspiegel lässt sich schlecht in die Zukunft fahren.

Es gibt kein "Weiter so!"

In einigen bayerischen Landschaften profitierte die Fichtenwirtschaft auf natürlichen Buchenstandorten sehr von der optimalen Kombination von ausreichend Niederschlägen, noch passenden Durchschnittstemperaturen und nährstoffreichen, Wasser speichernden Böden - und die bisher wuchskräftigsten Standorte, wie etwa das Tertiärhügelland, zählen dazu.
Unter diesen Verhältnissen war die Fichte keine Katastrophenbaumart, als die sie oft verteufelt wurde. Bei guter Pflege boten die Fichtenmischbestände in Süd- und Ostbayern beste Chancen für eine ökonomisch, ökologisch und sozial wirklich nachhaltige, ertragreiche Forstwirtschaft. Hier konnte die Fichte unbestritten Brotbaum der Forstwirtschaft sein.
Sie wird es für die bayerische Forst- und Holzwirtschaft auch noch lange bleiben, denn für Jahrzehnte prägen die jetzt vorhandenen Bestände mit dominierender Fichte die Holzernte in Bayern.
Bei der Verjüngung sollten sich die Waldbesitzer aber nicht zurücklehnen. Auf vielen Standorten wächst schon bei schwacher Auflichtung Fichten-Naturverjüngung, oft umso üppiger, je schwächer der Standort ist. Wir sind gut beraten, wenn wir uns davon nicht blenden lassen. Wo heute Fichtensämlinge und Jungpflanzen ankommen, wachsen in einigen Jahrzehnten nicht unbedingt vitale Fichtenwälder.

Niemand kennt die Zukunft genau

Prognosen und Szenarien gaukeln uns manchmal etwas anderes vor, aber jeder von uns weiß, dass nicht nur beim Wetter, sondern auch sonst alle Vorhersagen ungewiss sind. Das bedeutet aber nicht, dass der Waldbau Unsicherheiten nicht berücksichtigen sollte. Ganz im Gegenteil: Im Wald können wir die Zukunft nicht vorhersehen, aber wir haben die Chance, sie zu gestalten. Dazu brauchen wir allerdings mehr als einen Brotbaum allein, sondern sollten folgende Aspekte beherzigen:

  • Mit vielfältig aufgebauten Wäldern endet die Waldwirtschaft auch bei veränderten Lebensbedingungen nicht im Desaster. Mischbestände unterschiedlichen Aufbaus und Alters mit Verjüngungsvorräten unter Schirm haben ein hohes Selbstheilungsvermögen bei schadensbedingten Störungen. Auch bei Kalamitäten entstehen keine großen Kahlflächen.
  • Erst der Verzicht nicht alles auf eine Karte zu setzen, macht die Forstwirtschaft zum Vorbild für wirklich nachhaltiges Wirtschaften. Nur Mischwälder, auch mit noch in Zukunft standortgerechten Gastbaumarten, bringen Ökonomie, Ökologie und soziale Aspekte ins Gleichgewicht.
  • Die Vision für die Forstwirtschaft in unserem Land sind Wälder, die naturnah und pfleglich bewirtschaftet werden und nicht Holzäcker in Plantagenform, kaschiert mit ein paar Total-Reservaten. Nachhaltig bewirtschaftete Wälder sind dauerhafte Grundlage für eine wettbewerbsfähige Forst- und Holzwirtschaft aus eigenverantwortlichen Besitzern und am Markt überlebensfähigen Unternehmern.

Eine Zeitreise ist möglich

Es ist verständlich, dass skeptische Waldbesitzer in den vom Klimawandel gefährdeten, bisherigen Gunsträumen Bayerns ungern Abschied nehmen von den angenehmen Verhältnissen und dem Brotbaum Fichte.
Eine Zeitreise würde die künftige Entwicklung der Wälder überzeugend zeigen und wäre nicht nur für phantasievolle Kinder, sondern auch für Waldbauern faszinierend. Das interessante daran ist, eine solche Zeitreise ist möglich. Wer mit eigenen Augen sehen will, wie Wälder auf fruchtbaren Böden mit Niederschlägen und Temperaturen zurechtkommen, die uns Szenarien in 70 oder 80 Jahren vorhersagen, braucht Bayern nicht zu verlassen. An der Grenze zu Hessen, am bayerischen Untermain am Anstieg zum Odenwald, existieren solche Verhältnisse schon.
Dort gibt es auch Fichten, die nicht schlecht wachsen. Auf Normalstandorten halten sie aber nur als Zeitmischung aus. Als langlebige Mischbaumart brauchen sie beste sehr frische Standorte an Unterhängen und in Tälern und erreichen so im Wald nur Anteile von insgesamt 10 bis 20 Prozent.
Die "Zeitreise" zeigt, es gibt keine Alternative zum aktiven Umbau unserer Wirtschaftswälder in klimatolerantere Mischwälder.

Waldbau ist Klimaschutz

Jeder Waldbauer muss sich heute in einer unsicheren Erkenntnislage entscheiden: Wartet er bis die letzten Unsicherheiten abschließend geklärt sind und verliert wertvolle Zeit oder riskiert er mögliche Fehlentscheidungen, wenn er seinen Wald sofort umbaut. Sinnvoll erscheint in der aktuellen Situation anstatt einfach abzuwarten und seinen Wald dem Zufall zu überlassen, vorzubeugen ohne radikale Maßnahmen anzustreben.
Mit Mischwäldern nutzen Waldbesitzer die standörtliche Vielfalt und steuern den künftigen Waldaufbau auf der Basis von Risikoeinschätzungen. Die Försterinnen und Förster an den Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten unterstützen und beraten die Waldbesitzer kompetent, kostenfrei und objektiv beim Waldumbau, unter anderem mit Hilfe von neuen Karten, die verschiedene Szenarien aufzeigen abhängig von den individuellen Verhältnissen vor Ort.
Angepasste Wildbestände für klimastabile Wälder
Ein wichtiger Erfolgsfaktor für den Waldumbau sind angepasste Schalenwildbestände, so dass alle geeigneten Baumarten ohne Schutzmaßnahmen aufwachsen können. Messlatte für den Erfolg ist deswegen nicht ein prozentual scheinbar niedriger Fichtenverbiss, sondern nur das erfolgreiche Aufwachsen von Edellaubbäumen, Tannen und Eichen. Gerade die relativ klimatolerante und leistungsfähige Tanne ist eine wichtige Nadelbaumart der Zukunft. Die künstliche Verjüngung, wie Pflanzung oder Saat, sollte sich auf im Altholz fehlende Baumarten beschränken können. Um heute für kommende Generationen klimastabile Wälder zu erziehen, sollten alle Waldbesitzer als Jagdgenossen ihre Jagdpächter als Partner in die Pflicht nehmen.

Einen Korb voller Brotbäume

Bayerns Wälder werden im Laufe des 21. Jahrhunderts in vielen Landschaften ihr Gesicht verändern. Für anpassungsfähige und klimatolerante Wälder braucht es mehr als einen Brotbaum, es braucht einen Korb voller Brotbäume. Der Weg dorthin zwingt keinen, abrupt seinen Kurs zu wechseln. Der Weg führt aber für jeden über die Aufgabe rechtzeitig für sich eine zukunftsfähige Strategie zu entwickeln.
Die Kompetenz und die Aufgabe der Mitarbeiter der Bayerischen Forstverwaltung ist es, Möglichkeiten und Grenzen eines sinnvollen Baumarten-Portfolios der Zukunft aufzuzeigen und die Waldbesitzer bei der Entscheidung nach ihren individuellen Bedürfnissen mit Beratung zu unterstützen.

Autor: Günter Biermayer, Leiter des Referats Forschung, Innovation, Waldpädagogik am Bayerischen Staatsministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten

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